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  • Canons + Hoquets in Neuen Musikzeitung

    “Kritik”, Reinhard Schulz, Neuen Musikzeitung, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Musik der Reduktion, der kleinen und innigen Wendungen, lustvoll verspielt und zugleich voller fremdartiger, wie aus fernen Zeiten herüberwehender melodischer Bögen. Es ist hörbar Musik, zu der das hervorragende kanadische Quatuor Bozzini eine große Affinität besitzt. So wird jede Gestalt nachdrücklich, jeder Zusammenklang bekommt Raum und Tiefe.

    Es ist hörbar Musik, zu der das hervorragende kanadische Quatuor Bozzini eine große Affinität besitzt. So wird jede Gestalt nachdrücklich, jeder Zusammenklang bekommt Raum und Tiefe.

    Mike Essoudry, Linsey Wellman in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 58, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Drummer Mike Essoudry leitet in Ottawa ein eigenes Octet (mit Pierre-Yves Martel am Bass) und daneben das 7-köpfige Ensemble Ratstar und ist zudem im Ottawa Composer’s Collective ebenso zu finden wie im the Megan Jerome Trio. Während er da zur Mehrung des Erdenglücks durch eine folkloresk-jazzige Singersongwriterin beiträgt, verwebt er mit dem Alto- & Sopranosaxophonisten Linsey Wellman, mit dem er auch in den Projekten Parade und W. Fly Poem zusammen spielt, lose Fäden am Saum von freier Improvisation und Weltmusik. Dort hat nämlich Wellman seinen Schwerpunkt, der mit Galitcha Punjabi-Fusion, mit Kobo Town Calypso-Ähnliches und mit dem Rakestar Arkestra Sun-Ra-Tributes anstimmt. Auch ohne eine Herzensbrecherin wie Jerome machen Essoudrys zarte Rassel- und Glöckchenpercussion und Wellmans würziger Reedton sich verführerisch an den Geschmacksknospen und Ohrmuscheln zu schaffen. Sie blasen und streuen Blütenstaub und Gewürze des Orients ins Gehirn und erzeugen Halluzinationen von Kamelkarawanen, beladen mit Orangen und Datteln. Der Ort, an den die Phantasie mitgenommen wird, liegt im Zweistromland, wenn auch nicht dem realen von heute. At Mashu und Uruk ebenso wie Shamhat + Enkidu und Uta Napishti setzen sich auf die Spuren von Gilgamesh. Das Sopranosax versenkt sich in arabeske Tagträume, mit Parkeresken Trillern bei Red Triangle. Der Ton wird manchmal so rau und nachdrücklich, wie es die Sehnsucht verlangt, und nicht selten so schön, dass man sich in den Sand werfen möchte. An den Gilgamesh-Zyklus schließt sich The Gadfly Suite an, die mit Shostakovichs op. 97 nur den Namen gemeinsam hat, und mit County Fair ein freejazziger Ausflug auf ein Volksfest ohne Rummel und besoffenes Volk.

    Sie blasen und streuen Blütenstaub und Gewürze des Orients ins Gehirn und erzeugen Halluzinationen von Kamelkarawanen, beladen mit Orangen und Datteln.

    Departure in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 58, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Der umtriebige Musique-actuelle-Drummer Pierre Tanguay, der aus Antwerpen stammende Saxophonist Erwin Vann und der Brüsseler Bassist Michel Mergaerts, mit Jahrgang 1950 der Seniorpartner, nannten ihr Trio nach dem Flughafen von Montréal YUL und den 12 Stücken auf Departure (MAM 005) gaben sie Vornamen. Während sich Vann auf MySpace einen Harem zugelegt hat, sind hier auch Männernamen vertreten. Die Musik ist tatsächlich eine intime, freundschaftliche, oft sogar zärtlich schmusende. Mergaerts spielt elektrisch, wie ansonsten auch Michel Hatzigeorgiou in Vanns belgischen Bands. Dennoch bleibt der Tenor durchwegs mild und melodiös, nur Nazumi scheint ein temperamentvolles Wesen zu sein, die Tanguay in Feuereifer versetzt und Vann von der Garbarek- zur Coltraneseite wechseln lässt. Sarah ist dann schon wieder Gegenstand tagträumerischer Schwelgerei, wenn auch melancholisch angehaucht. Mergaerts schleicht sich auf Samtpfoten an Marion heran und wer würde nicht gern Caroline heißen, um so süß angesungen zu werden wie von Vann? Tintin ist dann süß und funky zugleich. Aber sind sie nicht alle zum Seufzen schön und liebenswert?

    Die Musik ist tatsächlich eine intime, freundschaftliche, oft sogar zärtlich schmusende.

    To Continue in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 58, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Nach 10 Jahren schlugen Jean Derome et les Dangereux Zhoms wieder zu und versprechen mit To Continue (AM 172) sogar mehr. Konkret bezieht sich der Titel auf Richard Serras Actions to Relate to Oneself (1968), die das Quintett als Auftakt des Titelstückes a capella rezitiert, bevor Pierre Tanguay einen They-are-coming-to-take-me-away-Beat zu klopfen beginnt. Bei La Grenouille et le Bœuf singt der E-Bassist Pierre Cartier La Fontaines Fabel Der Frosch, der so groß sein wollte wie der Ochse, eine ambivalente Geschichte, die sich als Kritik am Größenwahn von Fröschen lesen lässt, aber auch daran, wie man Ochsen-Privilegien schützt, indem man Ambitionen lächerlich macht. Hier ist das Klavier nicht in seinem Biedersinn gefragt, sondern seiner Analysefähigkeit, und so wird es von Guillaume Dostaler auch gespielt. Tom Walsh Posaunenton repräsentiert eine selbstbewusste Froschperspektive, die Tanguay mit durchwegs aufrührerischen Rhythmen unterstützt. Das Hauptstück Prières würde ich daher auch gern verstehen als ‘Gebete’ etwa im Sinn von Voltaires: Oh Herr, bitte mache alle meine Feinde lächerlich, auch wenn diese 24 Min. lange von Melancholie und Bedrücktheit geprägt sind. Die Posaune fleht bluesig, bis die Drums einen Umschwung einfordern, eine energische Selbstermächtigung, die ostinat So nicht! sagt. Auch Deromes Saxophon klagt, aber aus der Klage wird jetzt Eifer, der in Schwung kommt und sich in Begeisterung verwandelt, die dem ‘Ochsentum’ eine Nase dreht.

    Visions fugitives op. 22 in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 58, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Wie klingt Prokofiev als Jazz? Quartetski Does Prokofiev führt es vor. Der Kontrabassist Pierre-Yves Martel hat Visions fugitives op. 22 (AM 171), genauer, 18 der 20 Klavierminiaturen, die Sergey Prokofiev (1891-1953) 1917 geschriebenen hat, umarrangiert für ein Jazzquartett mit Gordon Allen an der Trompete, Isaiah Ceccarelli am Schlagzeug und Philippe Lauzier an Alto- & Sopranosax und Bassklarinette. Angeregt von Gedichten seines Landsmannes Konstantin Balmont, der mit der Zeile “In jeder flüchtigen Vision erblicke ich Welten Erfüllt vom Wechselspiel der Regenbogenfarben” auch den Titel inspirierte, konnte Prokofiev zeigen, dass er neben seinen sarkastischen und motorischen Fähigkeiten auch lyrisch komponieren konnte. Höchst abwechslungsreich und typisch pluralistisch springt die Musik von heiteren (Con vivacità) zu burlesken (Ridicolosamente), von süßen (Con una dolce lentezza) zu fröhlichen (Allegretto), von wilden (Feroce) zu gramerfüllten (Dolente) Stimmungen. Die meisten kennen von Prokofiev die pathetischen Eisenstein-Soundtracks zu Aleksander Nevsky (1938) und Iwan der Schreckliche (1942-44) oder Peter und der Wolf op. 67. Die Flüchtigen Visionen galten unter Stalins Kulturfuchtel als entartete Werke des Künstlers als junger Affe. Quartetski präpariert genau das als Witz und ‘Jazz’ an der Sache heraus, betont Prokofievs freches, quasi schauspielerisches Umspringen mit ‘Gefühlen’, kostet das Groteske (Inquieto) genau so genüsslich aus wie alle anderen bewusst illusionistischen Momente. Das Marmor zerspringt, der Kalk rieselt und Musik von beträchtlicher Sophistication wird hörbar.

    Höchst abwechslungsreich und typisch pluralistisch springt die Musik von heiteren zu burlesken, von süßen zu fröhlichen, von wilden zu gramerfüllten Stimmungen.

    Musique pour objets en voie de disparition in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 58, May 1, 2008
    Thursday, May 1, 2008 Press

    Musik ‘für Dasunddas + Tonband’ ist uns vertraut, aber + 13 tickende Wecker? + handbetriebene Kaffemühle? + 3 Wählscheibentelefone? + 8 Fernseher? + 2 Drucker? + automatischer Anrufbeantworter? + 12 Kaffeemaschinen? All das findet man auf Musique pour objets en voie de disparation (AM 170) von Diane Labrosse. ‘En voie de disparation’ klingt ein wenig nach ‘(Frauen) am Rande des Nervenzusammenbruchs’. Aber die Grande Dame der Musique actuelle wird, um ihren musikalischen Alltag erfolgreich zu gestalten, punktuell unterstützt von Marie-Soleil Bélanger (Geige), Jean Derome (Flöte), Bernard Falaise (E-Gitarre), Lori Freedman (Klarinette), Jean René (Viola) & Pierre Tanguay (Percussion), während sie selbst Akkordeon spielt und alle Zutaten elektroakustisch vermischt. Jede Mixtur reizt verspielt und effektvoll die jeweilige Rezeptur aus: Uhren ticken, Derome schnarcht, dongdongdong klopft der Morgen an die Tür, der Schläfer träumt noch, der Wecker rasselt; eine Geige geigt chinesisch angeschrägt, jemand zerpulvert Kaffebohnen, eine Maultrommel twangt, jemand summt — der Tag kann kommen; jemand wählt sich den Finger wund und reagiert auf das Besetztzeichen mit unmutigem Akkordeongewummer; Derome flötet von Weitem mit einem Tonbandgerät, das schnurrend rotiert, und die Viola zupft dazu Pizzikati; die TV-Konferenzschaltung ist ein von Vögeln bezwitschertes, weiß überrauschtes Pingpongmatch, und die Klarinette seufzt ganz jämmerlich dazu; die Drucker steppen pointillistische Botschaften auf einen dunklen Dröhnfond; die Gitarre schrappt grummelig gegen ein Gewirr von Automatenstimmen an; während der Kaffee durchschmurgel, geht zu melancholischen Gitarrendrones ein Gewitter nieder.

    Aber die Grande Dame der Musique actuelle wird, um ihren musikalischen Alltag erfolgreich zu gestalten…
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