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  • À l’inattendu les dieux livrent passage in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 67, November 1, 2010
    Monday, November 1, 2010 Press

    Mecha Fixes Clocks, Mfc, Michel F Côté. Er ist der Fixstern, aber ungern allein. Bei Konzerten arbeiten in der Uhrmacherwerkstatt 6 Leute, À l’inattendu les dieux livrent passage (&09) ist ein Stelldichein von mehr als einem Dutzend namhafter Montréal-Aktivisten, die dafür sorgen, dass MFCs Phantasien sich in Klang verwandeln. Nicht ganz so mikrotonal wie Zeitkratzer, entfalten die 9 Stücke etwas Hauntologisches, melancholisch, schönheitstrunken, träumerisch. Meist auch transparent genug, dass man die schönsten Traumgespinste gut hört — die Trompete von Gordon Allen, die zarte Gitarre von Bernard Falaise, die Klarinette von Lori Freedman, das Piano von Diane Labrosse, die Viola von Jean René. Besonders nostalgisch klingen die beiden Stücke, bei denen sich MFC in das Pathos der Filmmusik von Max Steiner hüllt. Der Schwebklang dieser Dreamscapes ist durchsetzt mit elektronischen und perkussiven Verzierungen durch Martin Tétreault, Isaiah Ceccarelli und Côté selbst. Lang ausgehaltener Bläserklang tönt die Luft, manchmal scheint die Musik wie durch einen Vorhang gedämpft oder durch Zwielicht gefiltert. Zuletzt begeigt noch einmal Steiner, elegisch und zärtlich, die Herzfasern — Gefühl in Zelluloid konserviert. MFC, seelenbrüderlich eng mit The Caretaker verwandt, ist eine Traumfabrik im Kleinen. Aber dabei so ehrlich, etwas Unheimlichea am Schönen und Traumhaften hörbar zu machen.

    Fammi in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 67, November 1, 2010
    Monday, November 1, 2010 Press

    Jean René ist seit Jahren eine fixe Größe in der Ambiances-Magnetiques-Szene, an der Seite von R Lussier, RM Lepage, A Duchesne, P Cartier, mit Mecha Fixes Clocks. Fammi (&08) ist Musik für eine elektrische Viola, und wer mag, kann da an John Cale denken. Was nicht heißt, dass die Bratsche allein erklingt, meist sind ein oder mehrere Doubles mit im Spiel. Die Stücke, zehn an der Zahl, sind mal repetitiv, mal klangbetont mit langen, katzenjämmerlichen Strichen und durchwegs sehr variabel. Nancy stottert und verhallt gedämpft und schleifend wie Loops von Pierre Bastien (tatsächlich kommt die Anregung aber von Nancy Tobin). Verzerrte und nachhallende Sounds reizen die Sinne durch attraktive Dissonanzen. Le grand boudin wischt, knurpst und krabbelt geräuschhaft an Holz und Saiten, als ob es um die Wurst ginge. In Morue spiegeln und zerrspiegeln sich zwei Violas, während Prunes sägend und Tonleiter übend sich auf Michael Nyman einstimmt. Die Anklänge an Alte Musik — René war lange Bratschist im Orchestre Métropolitain de Montréal gewesen — verstärken sich vom Klageton von Outardes zum noch traurigeren Consort, in dem der Geist von William Byrd umgeht. Dazwischen ist Juste Encore geschoben mit seiner melancholischen Gitarre und versteckten Anspielung auf Cole Porter. Es ist eben Musique postmoderne.

    Our Balls Are Like Dead Suns in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 67, November 1, 2010
    Monday, November 1, 2010 Press

    Titel des Jahres: Our Balls Are Like Dead Suns (&07)! Der Trompeter Philippe Battikha, Mivil Deschênes am Bass und Patrick Dion an den Drums wählten sich in Referenz an Georges Bataille zudem den verschwenderischen Namen La Part Maudite und beides zusammen verpflichtet natürlich zu exzessiver Musik, die durch massive Pedaleffekte auch erzielt wird. Die Trompete nimmt es mit jeder E-Gitarre auf, was Verzerrung und Intensität angeht. Dazu rockt Dion, als ob er es mit dem Potlatch ernst meint. Maison des jeunes wechselt abrupt zwischen zart und brutal und bleibt dann mit heftigen Schlägen bei Letzterem. Boxer Blood puncht sture Viertel, dann Stop und Go und schnelle Wirbel. Als wären Dion und Deschênes bei Jacopo Battaglia und Massimo Pupillo, der furiosen ‘RhythMachine’ von Zu, in die Lehre gegangen. Half-Sucked Egg beginnt mit tubadunklem Gebläse und nur spröd gezupfen Saiten zu leichthändigem Tickling, aber dann nimmt Der Verfemte Teil knirschend und klackend immer mehr Tempo auf und steigert sich in einen Blutrausch, fängt sich, aber leckt sich schon wieder die Lippen nach mehr. Die Trompete steuert von einer Fuzzorgie zur nächsten, nur in den wenigen gedämpften Momenten, dem Auftakt von Panic Park etwa, kommt einem das Wörtchen Jazz in den Sinn. Die Besinnung ist aber immer nur von kurzer Dauer. Schon geht wieder ein Noisegewitter auf die lyrische Trompete nieder. Poesie gibt es nur unter Spannung und Zerreißprobe. Aber sie ist unstillbar, unauslöschlich, Phönix aus der Asche, Pegasus aus dem Blut der azephalischen Medusa, eine Ejakulation von melodischem Überschuss, wenn auch mit bitterem, aschigem Beigeschmack.

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