Wie nennt man ein Stück der Neuen Musik, bei dem ein Erzähler eine Hauptrolle spielt? Joane Hétu hat mit der Nouvelle musique d’hiver, der 2001 schon ihre Musique d’hiver voraus ging, so ein Stück komponiert und auch das Libretto geschrieben. Unter der Überschrift L’Hiver arrive rien qu’une fois par année malt sie vier Szenen: Joyeux temps (Evocation of the first snowfalls and the Holiday season) — Être dans le vent (A tribute to wind and fire) — La Marmotte (Hibernation, boredom and pleasure) — Calcium sloche (A blend of winter-end madness and springtime activity). Man hört die Live-Aufführung auf dem MNM-Festival 2003 durch das Allstar-Ensemble SuperMusique: Jean Derome (flute, objects, soundtrack), Guillaume Dostaler (piano, synthesizer), Lori Freedman (clarinets), Diane Labrosse (sampler, accordion), Pierre Tanguay (drums, objects), Martin Tétreault (turntables) & Gilles Derome (narration) unter Leitung der Komponistin, die selbst auch mit Stimme & Altosax mitwirkt. Das Programmatische wird vor allem durch die elektronischen Geräusche suggestiv vermittelt, Frost klirrt, Wind faucht, Eis knackt, Mensch bibbert, Schnee ödet. Aber auch die Phantasie der Nichtelektroniker vermittelt den Biss und Glanz von Eis, das Weiß, den Geruch von Schneeluft (mit dem frankokanadischen Ohr für Le Bruit de la neige). Aber Hétu fängt nicht nur impressionistisch oder naturalistisch die kanadische Wintersaison ein. Ihre Musik versucht das Flair der Winterwelt zu vermitteln, hinter der narrativen Oberfläche die Symbol- und Stimmungswerte, Weihnachten und Murmeltiertag, Ski- und Schlittschuhlaufen, Eisfischen, Schlittenrennen, Schneeblindheit draußen, Eishockey und Bullerofen drinnen. Aber auch “dirty snow, slush, dog poop bags, debris, grey waters, gravel, mud, garbage, swamps.” Gegen zuviel Winterkitsch — Matsch. Musica Nova wird unter Hétus Händen tatsächlich “actuelle” und “populär”. Die gute Justine- & Les Poules-Schule.